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Zugehöriger Workspace

Art des Projekts

Studienarbeit im Hauptstudium

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2017

Betreuung

Visualisierung narrativer Phänomene

Visualisierung narrativer Phänomene

In der Literaturwissenschaft hat man es mit Textdaten zu tun, die nach grammatikalischen bzw. humansprachlichen Kriterien strukturiert sind. Doch auch diese Daten lassen sich in eine Form bringen, die es erlaubt, geschriebene Sprache in visuelle Darstellungen zu überführen.
Wie können solche visuellen Repräsentationen für literaturwissenschaftliche Arbeit an narrativen Texten aussehen? 
Mit dieser und weiterführenden Fragen haben wir uns in dem Kurs »Visualisierung literarischer Narrative« bei Prof. Dr. Marian Dörk und Jan-Erik Stange beschäftigt.
Um auch für die Literaturwissenschaft interessante Ergebnisse produzieren zu können, fand der Kurs in Kooperation mit einem parallel stattfindenden Kurs zur Erzählforschung der Uni Hamburg statt.

Literaturwissenschaftliche Fragen & Ziele

In meinem Projekt beschäftigte ich mich mit folgende Leitfragen:
Wie lassen sich narrative Phänomene und ihre Beziehung untereinander visualisieren? Wie schafft man eine Visualisierung, die sowohl den Ansprüchen des Designers, als auch denen des Literaturwissenschaftlers gerecht wird? Was braucht es für Interaktionsmöglichkeiten, um das Erkennen und Vergleichen von narrativen Phänomenen zu erleichtern?

Konkreter formuliert habe ich mich vor allem mit dem narrativen Phänomen der Erzählebenen auseinandergesetzt:
In einer Erzählung können unterschiedliche Erzählebenen (»eingebettete Erzählungen«) auftreten. Neue Erzählebenen treten dann auf, wenn eine Figur der Erzählung selbst zum Erzähler wird oder wenn von einer neuen Welt berichtet wird. Eingebettete Erzählungen können auf unterschiedlichen Einbettungsebenen vorkommen.
Narrative Erzählebenen könne zudem weiter kategorisiert werden, was die Komplexität erheblich erhöht. Beispielsweise lässt sich die Art der Überschreitung von einer Erzählebene zur Nächsten genauer beschreiben.
In weiteren Schritten beschäftigte ich mich zudem mit der Beziehung von narrativen Erzählebenen zu zeitlichen Phänomenen. Zu dem zeitlichen Phänomen »Ordnung« lässt sich beispielsweise die Frage stellen, in welchem Verhältnis das Auftreten von Erzählebenen und zeitlichen Vorgriffen bzw. Rückblenden stehen. Im Bereich des zeitlichen Phänomens »Frequenz« kann man sich fragen, ob es Ereignisse gibt, die mehrmals und auf unterschiedlichen Ebenen erzählt werden.

Ziele?
Die Visualisierung soll die annotierten Phänomene in eine direkte Beziehung setzten und damit mehrschichtige, schnelle und intuitive Aussagen ermöglichen. Sie soll einen Überblick verschaffen und eine Hilfestellung bei der Auswertung von Textanalysen bieten.
Ein persönliches Ziel von mir war es, eine Visualisierung zu schaffen, die sowohl den Ansprüchen eines Designers, als auch denen eines Literaturwissenschaftlers gerecht wird.

Gestaltungs- und Entwurfsprozess

Zu Anfang des Kurses hatten wir einen halbtätigen Workshop mit Studenten und Lehrenden aus dem Bereich der Literaturwissenschaft der Universität Hamburg. Dazu kamen sie uns in Potsdam besuchen und gemeinsam starteten wir eine Fingerübung, um in das Thema »Visualisierung von literarischen Narrativen« einzusteigen. Wir bekamen einen ersten Einblick in das Feld der Literaturwissenschaftler. Zwei Wochen später reisten wir ins schöne Hamburg, um die ersten, im Workshop entstandenen, Skizzen und ihre Weiterentwicklungen vorzustellen. Da ich bereits zu diesem Zeitpunkt schon engen Austausch mit Janina Jacke (Doktorandin am Institut für Germanistik) hatte und in das Thema der narrativen Erzählebenen eingetaucht war, stellte sich relativ früh heraus, dass ich dieses Thema weiter verfolgen und konkretisieren wollte.
Es entstanden weitere Konzeptskizzen zu möglichen Visualisierungen von eingebetteten Erzählebenen und ich entschied mich dazu, die oben erwähnten, zeitliche Phänomene in die Visualisierung mit aufzunehmen.
Es folgte ein sehr detaillierter Input von Janina über eine genauere Kategorisierung von Erzählebenen und die verschiedenen Arten einer Ebenenüberschreitung. Mir wurden annotierte Daten von Kurzgeschichten zu Verfügung gestellt, sodass ich meine Konzeptideen an »echten« Daten testen konnte (ich entschied mich für die Kurzgeschichte »Lili«). Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass die einzelnen Ebenen viel kürzer sind, als ich es mir vorgestellt hatte, was vor allem die Wahl der Patterns erheblich erschwerte. Zu diesem Zeitpunkt war auch noch nicht klar, ob eine lineare oder eine kreisförmige Darstellung mehr Vorteile bietet.
Nach einem zweiten Besuch der Hamburger und einer Zwischenpräsentation, widmete ich mich dann den ersten Interaktionsmöglichkeiten, die meine Visualisierung bieten könnte, um noch intuitiv verständlicher und einfacher zu werden. Des Weiteren entstanden erste Ideen zur Texteinbindung und zum sogenannten »Semantischen Zoomen«, um die Visualisierung skalierbar zu machen.
Daraufhin begann die Arbeit am Interface und an der konkreten Interaktion.

Resultat – bis jetzt

Im Zentrum befindet sich die kreisförmige Visualisierung, sodass der Fokus auf ihr liegt. Die einzelnen, narrativen Erzählebenen werden durch Rechtecke dargestellt, wobei jeweils die Länge eines Rechteckes die Länge der jeweiligen Erzählebene (gemessen in Zeichen) angibt. Wie oben erwähnt, können eingebettete Erzählebenen auf unterschiedlichen Einbettungsebenen vorkommen. Die primären Erzählebenen werden in dieser Visualisierung auf dem innersten Kreisring dargestellt, die Sekundären auf dem zweiten Kreisring von innen usw.
Links von der Visualisierung gibt es eine separate Spalte, in welcher Textabschnitte angezeigt werden. Rechts befindet sich eine interaktive Legende. Der obere Teil ist für die genauere Kategorisierung der Erzählebenen zuständig. Jede Farbe steht für jeweils einen Erzähler. Zudem gibt es drei Arten von Ebenenüberschreitungen: Wenn ein Erzählerwechsel stattfinden, ist es eine sogenannte »illokutionäre Ebenenüberschreitung«, wird von einer neuen Welt berichtet, ist es eine »ontologische Ebenenüberschreitung«. Möglich ist auch eine Kombination aus beidem.
Des Weiteren können die Erzählebenen »actually crossed« oder »virtually crossed« sein. Die verschiedenen Arten einer Ebenenüberschreitung werden durch Form und Muster gekennzeichnet.
Im unteren Teil der Legende sind die zeitlichen Phänomene aufgelistet: Die sogenannten »Analepsen« (zeitliche Rückblenden) und »Prolepsen« (zeitliche Vorgriffe). »Repetitiv erzähltes Ereignis« wird ein Ereignis genannt, welches einmal geschieht, von dem aber mehrmals berichtet wird.
Fünf Animationen zeigen die interaktive Visualisierung prototypisch.

Im herausgezoomten Zustand wird ausschließlich die Verteilung und Verschachtelung der eingebetteten Erzählebenen visualisiert, ohne jegliche Kategorisierung. Zoomt man in die »Normalansicht«, erscheinen automatisch die Farben, die für die verschiedenen Erzähler stehen. Es erfolgt also die erste genauere Bestimmung der Erzählebenen.
Wie schon erklärt, ist vor allem die Analyse der Beziehung zwischen den narrativen Erzählebenen und anderen narrativen Phänomenen sehr interessant. So können Phänomene wie »Prolepsen« und »Analepsen« in der Visualisierung hinzugeschaltet werden. Sie werden auf einem weiteren Kreisring dargestellt und es lässt sich schnell erkennen, in welchen Erzählebenen sie vorkommen und wie sie verteilt sind.
Prinzipiell bietet die visuelle Repräsentation die Möglichkeit, durch Hovern über bestimmte Erzählebenen und zeitliche Phänomene sich diesen Textabschnitt wieder in der ursprünglichen Form, also in Textform, anzeigen zu lassen.
Das Sperren eines Textabschnittes ermöglicht außerdem einen Vergleich untereinander.

Es gibt die Möglichkeit, sich nur Erzählebenen, die von bestimmten Erzählern erzählt werden, anzeigen zu lassen. So wird eine Konzentration auf die in diesem Moment relevanten Erzähler garantiert.

Die interaktive Visualisierung gibt zudem Hilfestellung bei der Auswertung der genaueren Kategorisierung der narrativen Erzählebenen:
Durch Hereinzommen erscheinen Muster und Form und die verschiedenen Arten einer Ebenenüberschreitung werden so gekennzeichnet. Es erfolgt die zweite genauere Bestimmung der Erzählebenen. Zusätzlich können in der hereingezoomten Ansicht auch bestimmte Arten von Ebenenüberschreitungen ausgeblendet bzw. eingeblendet und die Ergebnisse so noch einmal deutlicher gefiltert werden. Auch in der »Normalansicht« gibt es die Möglichkeit, sich nur Erzählebenen mit bestimmten Ebenenüberschreitung anzeigen zu lassen, es kann also auch schon dort eine Kategorisierung erfolgen.

Falls gewünscht, kann man sich die repetitiv erzählten Ereignisse dazu schalten und die Erzählebenen, in denen repetitive Ereignisse vorkommen, werden hervorgehoben. Die repetitiv erzählten Ereignisse werden dann im Kreisinneren dargestellt. Auch hier lassen sich Fragen zu der Korrelation zwischen den repetitiven Ereignissen und den narrativen Erzählebenen beantworten: In welchen Erzählebenen wird von den verschiedenen Ereignisse berichtet, wer erzählt, wie häufig wird ein Ereignis im gesamten Text erzählt?

Mehrwert?

Zu dem möglichen Mehrwert, den diese visuelle Repräsentation mit sich bringt, hat Janina Jacke einen Text formuliert, den ich an dieser Stelle einfügen möchte:

»Wenn man narratologische Analysen und entsprechende Annotationen in einem Text vornimmt, dann ist das eine sehr textnahe Arbeit, bei der man meistens hauptsächlich einzelne, kleinere Textausschnitte im Blick hat. Manchmal benötigt man allerdings einen allgemeinen Überblick über die annotierten Phänomene, um die Analysen besser auswerten zu können. Die Visualisierung ermöglich das in mehrerer Hinsicht:

  • Die lineare Verteilung narrativer Phänomene (hier z.B. narrativer Ebenen) über den Text wird deutlich. Im Falle von »Lili« können wir zum Beispiel auf einen Blick feststellen, dass in der ersten Texthälfte oft (hier: dreimal) längere Passagen ohne eingebettete Ebenen vorkommen, in der zweiten Hälfte dagegen nicht.

  • Die Verschachtelungsstruktur der narrativen Phänomene (z.B. narrativer Ebenen) wird schnell sichtbar: Wir können sehen, dass [bei »Lili«] tertiäre Erzählebenen nur sehr selten und nur in der zweiten Hälfte des Textes auftreten.

  • Die annotierten Phänomene (hier vor allem narrative Ebenen) sind oft in mehreren Hinsichten genauer kategorisiert worden, was die Komplexität der Analysen weiter erhöht und ihre Auswertung erschwert. Dadurch, dass diese zusätzlichen Kategorisierungen mit unterschiedlichen visuellen Methoden dargestellt werden, lassen sich schnell multifaktorielle Aussagen treffen. Zum Beispiel lässt sich [bei »Lili«] sagen, dass alle tertiären Erzählebenen durch ausschließlich ontologische Grenzüberschreitungen zustande kommen und insgesamt nur bei zwei Erzählern zu verzeichnen sind: dem Ich-Erzähler und Anton. Solche Auswertungen werden dadurch weiter erleichtert, dass wahlweise bestimmte Phänomene aus der Visualisierung ausgeblendet werden können und die Ergebnisse so gefiltert werden.

  • Besonders interessant ist oft die Untersuchung von Korrelationen zwischen unterschiedlichen narrativen Phänomenen. Je mehr verschiedene Phänomene man allerdings annotiert, desto unübersichtlicher wird die Auswertung. Auch hierbei hilft die Visualisierung: Durch die Darstellung unterschiedlicher narrativer Phänomene auf unterschiedlichen Kreisringen bzw. im Kreisinneren sowie durch das Hervorheben der Verbindungen zwischen unterschiedlichen Phänomenen können wir hier [bei »Lili«] beispielsweise schnell erkennen, dass Prolepsen nur in Passagen vorkommen, die vom Ich-Erzähler erzählt werden – dies jedoch auf unterschiedlichen Einbettungsebenen. Ebenso können wir beispielsweise erkennen, dass es nur ein repetitiv erzähltes Ereignis gibt, von dem zwei unterschiedliche Erzähler berichten.

Auf diese Weise können auch schnell Textstellen identifiziert werden, deren genauere Untersuchung möglicherweise lohnenswert ist. Vor diesem Hintergrund ist es auch hilfreich, dass die Visualisierung bei Bedarf die Anzeige [und den Vergleich] von Textstellen […] erlaubt.«

Ausblick

Der nächste Schritt in diesem Projekt ist es, die prototypische Umsetzung der interaktiven Visualisierung in eine tatsächliche Web-Anwendung zu adaptieren.
Außerdem ist es denkbar der Visualisierung ein weiteres zeitliches Phänomen (beispielsweise »Dauer«) hinzuzufügen. Auch die Möglichkeit verschiedene Kreisdarstellungen (also verschiedene Texte) untereinander vergleichen zu können, wäre eine bereichernde Erweiterung für die Visualisierung.
Des Weiteren fände ich es auch sehr spannend, eine Print-Version für dieses Thema zu konzipieren und umzusetzen.

Persönliches Fazit

Für mich persönlich war es das erste Projekt im Bereich der Datenvisualisierung. Zusätzlich war es keine »normale« Visualisierung von Daten aus der Naturwissenschaft o.ä., sondern wir hatten es eben mit für uns teilweise sehr abstrakten Daten zu tun. Dies führte nicht selten zu kleinen Verzweiflungen und »Gehirnknoten«, die letztendlich aber doch entknotet und umgesetzt werde konnten. Auch die Erkenntnis, dass weniger mehr ist, habe ich bei diesem Projekt erneut gewonnen: Zu Anfang hätte ich am liebsten jedes literaturwissenschaftliche Phänomen, jede Annotation in die Visualisierung mit eingebracht. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass es besser ist, vor allem wenn man neu in einer Themenwelt ist, sich auf wenige Phänomene zu konzentrieren und diese dann zu konkretisieren und spezifizieren.
Der sehr intensive und detaillierte Input aus der Welt der Literaturwissenschaftler war sehr bereichernd, wenngleich auch sehr kräftezehrend und zeitintensiv. Meiner Meinung nach, hat es sich aber auf jeden Fall gelohnt, so viel Arbeit, Zeit und Nerven in das Projekt zu investieren:
Schon unsere ersten Versionen und entstandenen Projektprototypen haben gezeigt, dass in dem Thema »Visualisierung literarischer Narrative« sehr viel Potenzial steckt und von literaturwissenschaftlicher Seite großes Interesse besteht, dies weiterhin zu verfolgen und zu konkretisieren.