*schüchterne lichter*
Interaktive Installation für das Fusion Festival´06
Nominiert für den Digital Sparks Award 2008 (Lobende Erwähnung)
Beschreibung
Zitternde Lichtpunkte werden auf den Boden projiziert, die auf Bewegung reagieren. Die Punkte flüchten in die entgegengesetzte Richtung, wenn man sie "berührt". Heftige Bewegungen versetzen den ganzen Schwarm in Aufruhr.
Die Projektion wird durch ein Computer-Kamera-System gesteuert, das Farbveränderungen im Bild misst und auswertet.
built with Processing, using the motion detection code by .mattias
Photos von *schüchterne lichter* auf der Fusion´06
Videos von der Installation
(zu den verschiedenen Versionen siehe Erläuterungen am Seitenende)
"normale" Version
"disco lights" Version, gezeigt am 3.Tag
"kehraus" - müde lichter. Version vom letzten Tag
Die Fusion
Das Fusion-Festival ist ein alternatives Musik-, Theater- und Performancefestival, das jährlich auf dem Gelände eines alten Militärflughafens in der Nähe von Lärz an der Müritz stattfindet. Dieses Jahr, im zehnten Jahr des Bestehens, waren an den vier Festivaltagen 30.000 Besucher vor Ort.
Andor Rothämel von Ortvision gestaltet und organisiert seit ein paar Jahren den Outback-Hangar auf dem Fusion-Festival. Er kennt ältere Arbeiten von mir und fragte mich, ob ich eine interaktive Installation für den Hangar entwickeln und umsetzen könnte.
Konzeption und Durchführung
KONZEPT
//Zielsetzung:
• Die Installation muss sich in den Raum einfügen
• Die Installation soll in das Zeitkonzept des Festivals und des Hangars integriert werden
• Die Installation darf nicht langweilig werden, sobald man das Prinzip durchschaut hat
• Die Einflussmöglichkeit auf die Installation muss leicht verständlich sein, um Frustration zu vermeiden
Idee/Assoziation:
Was wäre, wenn man die Lichtpunkte von einer Discokugel, die an Wänden und Boden entlangfliegen, beeinflussen könnte?
Wenn sie, wie kleine Lebewesen, sich vor einem verstecken würden, und dann, wenn man sich eine Weile nicht bewegt, langsam zurückkommen würden und um einen herumtanzen?
//erste Version (Monitor):
Punkte reagieren auf Mouse (umgesetzt mit Processing)
//zweite Version (Monitor):
Punkte reagieren auf Bewegung (Veränderungen im Bild einer angeschlossenen Webcam, using the Motion Detection code by Mattias Ljungström)
Dieses Programm lief schon recht gut, man konnte zum Beispiel die Punkte mit einem Besen wegkehren, wenn man die Webcam an der Decke anbrachte.
Technische Probleme bei den schüchternen Lichtern:
Da die Projektion selbst gefilmt wird, gibt es starke Rückkopplungen.
In einem ersten Versuch mit einer Projektion auf den Boden reagierten die Lichtpunkte wegen des Rückkopplungseffekts überhaupt nicht. Nach einigen Änderungen im Code zeigte immerhin eine invertierte Version (schwarze Punkte auf weißem Grund, bzw. grüne Punkte auf rotem Grund) kleine Reaktionen auf heftige Bewegungen. Leider konnte man in dem Zusammenhang nicht mehr von "Lichtern" sprechen, da auch der Hintergrund beleuchtet war.
Testreihen
Bei Recherchen im Internet stieß ich auf die Lösung des Problems: Ein Hack, der beschrieb wie man eine normale Kamera in eine Infrarot-Kamera umbaut.
www.hoagieshouse.com/IR
sowie
www.ubit.de (von zwei Studenten aus der digitalen Klasse der UdK, Oliver Ellger und Jeffrey Gold)
Da ich eine Videokamera mit NightShot-Modus benutzte, musste ich den IR-Filter nicht ausbauen (beim Umschalten in den Nachtmodus wird der Filter beiseite geklappt). Ein Stück vollbelichtetes Farbfilm-Negativ (also ein komplett schwarzes) reichte als Tageslichtfilter. Damit war die Projektion für die Kamera unsichtbar.
Das nächste Problem war die adäquate Beleuchtung.
Starke IR-Strahler sind ziemlich teuer (300€ aufwärts), und mit schwächeren funktionierte es nicht. Ich hatte es mit vier Mini-Strahlern mit je 15 IR-LEDs ausprobiert (10€ pro Stück), und das reichte gerade eben, um ein Viertel der Projektionsfläche auszuleuchten (die Kamera selbst ist mit 4 LEDs ausgestattet).
Die besten Ergebnisse lieferte bizarrerweise eine sogenannte Wärmelampe, aber ich fand das helle, rote Licht, das sie aussendete, extrem störend und suchte nach weiteren Möglichkeiten.
Schließlich erklärte sich freundlicherweise die Firma Mebotec (Überwachungstechnik) in Berlin bereit, mir drei große IR-Scheinwerfer mit sehr gleichmäßigem Licht und einem weiten Abstrahlwinkel gegen eine geringe Mietgebühr zur Verfügung zu stellen.
Bilder vom Aufbau
Wegen des relativ aufwändigen Aufbaus konnte ich das finale Setup (mit Projektion auf den Boden aus 6 m Höhe und Beleuchtung in Infrarot) nicht vorher testen.
Daher war ich selbst überrascht, wieviel mehr Interaktionsmöglichkeiten die Projektion auf den Boden gegenüber der Projektion an die Wand bietet - und wie gut das Konzept aufging.
Ausstellung/Vorführung
• mehrere Personen können gleichzeitig und miteinander interagieren
• die Besucher haben sich eigene Spiele ausgedacht, wie "Alle Punkte in eine Ecke treiben", "Einen Kreis bilden und die Punkte einpferchen", "Fange einen einzelnen Punkt", "Kicke deinem Gegenüber einen Punkt zu"
• Gegenstände können in das Spiel eingebracht werden - wie der Spielzeug-LKW, der am letzten Tag plötzlich auf der Projektionsfläche auftauchte, und auf dessen Ladefläche man Lichter vorsichtig transportieren konnte, die wässrig hin- und herschwappten.
Wenn niemand mit der Installation spielt, kommen die Lichter allmählich zur Ruhe.
Es war mir wichtig, dass die Installation sich in den Raum integriert und auch im ungenutzten Zustand nicht als störend auffällt.
Von weitem haben die Lichtpunkte tatsächlich Ähnlichkeit mit denen, die eine Discokugel abwirft, und diejenigen Besucher, die uneingeweiht die Aktionsfläche betraten, waren wie erhofft überrascht davon, dass das Licht auf ihre Bewegungen reagiert.
Fazit
//Ideen, die aus der Ausstellung entstanden:
Man könnte Gegenstände von vornherein als Teil der Installation anbieten, schwarz bemalt, da die Installation darauf am besten reagiert (Besen, Käscher, Tor und Schläger, ...)
Andererseits ist gerade die Universalität der Lichter interessant. Sie lassen mehr als nur eine Form der Interaktion zu.
Das Verhalten der Lichter als Schwarm ist komplexer als der Code, der die Lichter steuert (man spricht hier auch von Emergenz).
Ich denke, je mehr Interaktionsformen man in Form von (Spiel-)Regeln vorgibt, desto weniger kreativ sind die Besucher.
Die verschiedenen Versionen
Das Fusion-Festival dauert vier Tage, und während dieser Tage heizt sich die Stimmung bis zum dritten Tag auf, an dem sie sich in einer großen Party entlädt. Am letzten Tag verläuft sich die Fusion in einer verkaterten Endzeitstimmung.
An diesem Zyklus orientiert sich das Zeitkonzept des Hangars:
1.Tag: Ankunft. Erwachen. Zögern.
2.Tag: Kontakt. Kommunikation. Bewegung.
3.Tag: Entladung. Exzess. Rausch.
4.Tag: Endzeit. Nachhall. Kater. Kehraus.
Daher bot sich an, die Installation an den Zeitverlauf des Festivals anzupassen.
An den ersten beiden Tagen verhalten sich die Lichter noch "normal". Sie sind schüchtern und blass orange.
Am dritten Tag, Samstag, der großen Party, zu der auch die meisten Besucher kommen, laufen die Lichter zu Höchstform auf: Sie blinken im Takt der Bewegungen der Besucher in rot und blau. Die Lichter sind in Tanzlaune.
Am letzten Tag, dem Kehraus, sind die Lichter ebenso müde, träge und ausgelaugt wie die Besucher. Wie jene verlassen sie langsam das Szenario.
Die Installation startet am Abend des letzten Tages mit 365 Lichtern, die an einer Seite der Projektionsfläche nicht wie zuvor abprallen, sondern einfach hinausgleiten. Bis vielleicht nächstes Jahr.
Im Laufe der Sonntagnacht waren so immer weniger und weniger Lichter auf der Projektionsfläche zu sehen, bis schließlich alle fort waren.
Anhang: Das diesjährige Konzept des OUTBACK-Hangars
"Ein Objekt, ein Gebilde, ein Kokon... der den in ihm Weilenden eine Landschaft zwischen den Realitäten bietet. Geschaffen wird ein atmosphärisches und surreales Ambiente, das durch seine akustische, performative und visuelle Bespielung ein Eigenleben besitzt und eine Gesamtinstallation darstellt. Er ist somit nicht nur Raum für etwas... sondern der Raum als...
Er, der Besucher ist willkommen in dem Objekt zu verweilen. Es ist sein Kokon.
(...) eine geschlossene Raum in Raum Konstruktion, die sich als ein Kokon durch den Hangar ausdehnt. Sie endet im hinteren Bereich in einem großen Kessel.
Dieser Kessel wird das Zentrum bilden. Er wird eine bequeme atmosphärische Landschaft ergeben in dessen Zentrum sich eine erhöhte Plattform befindet, auf der Performances stattfinden werden, genauso aber auch entspannt der Raum genossen werden kann.
Tagsüber wird dieser Kokon eine relativ homogene weiße Landschaft bilden. (...)
Nachts wird sich der Raum in ein Farb-, Licht- und Bildwesen verwandeln. Im Kessel ist ein Videohorizont geplant der die Hälfte des Kessels bespielt. Der übrige Teil des Raumes wird mittels Licht- und Diainstallationen gefüllt und durch einzelne Videosequenzen ergänzt. Galerie und die Terrasse dienen als äußere Ebene und Plattform für das Fusionspanorama." (Ortvision)





















